Warum wurden in der frühen Neuzeit vermeintliche Hexen verbrannt? Die Antwort ist eigentlich ziemlich simpel: Marketing. Staat und Kirche, die damals in noch ziemlich enger Verbindung agierten, konnten gleich viele verschiedene Fliegen mit einer Klappe schlagen: Mißliebige Personen konnten aussortiert werden, eine klare „Das blüht dir auch, wenn du dich nicht benimmst“-Botschaft wurde an die Öffentlichkeit gesendet und ganz nebenbei bot man ein kontrolliertes Ventil für die Sensationsgier der Menschen, indem öffentliche Hinrichtungen nicht eben selten wie Volksfeste inszeniert wurden. Und was hat das nun mit unser aller Hobby, den Online-Rollenspielen zu tun? Um dies zu illustrieren, zunächst zwei Zitate aus der Presse:
Die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing (SPD) fordert, „Computerspielsucht“ stärker zu untersuchen und besonders populäre Onlinespiele nur für Erwachsene freizugeben. Ob es eine spezifische Suchterkrankung bei Computernutzern tatsächlich gibt, ist unter Fachleuten aber nach wie vor umstritten.
Berlin – Man müsse „Eltern und Lehrer unterstützen, eine Mediensucht im Frühstadium zu erkennen und wirksam zu verhindern“, erklärte Bätzing (SPD) am Freitag anlässlich einer Fachtagung zum Thema. Zudem forderte sie schärfere Altersbeschränkungen. Es sei unverständlich, warum Spiele wie „World of Warcraft“ für Kinder ab zwölf Jahren freigegeben seien, sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Denn solche Onlinespiele könnten abhängig machen. Sie forderte die für den Jugendschutz zuständigen Länder auf, eine Zulassung von „World of Warcraft“ erst ab 18 Jahren zu prüfen.
Zitat Spiegel Online (3.7.09)
Die Senioren sind sich ihrer Macht wohl bewusst: „Ohne die Alten ist auf Dauer keine Wahl mehr zu gewinnen“, sagte der Vorsitzende der Senioren Union, Otto Wulff. Aktuell zählt ein gutes Drittel der Wahlberechtigten zur Gruppe der Über-60-Jährigen. Und der Einfluss der Generation über 60 Jahre wird in einer Gesellschaft, in der die Menschen wenig Kinder und eine hohe Lebenserwartung haben, von Wahl zu Wahl größer. [...] Die Politiker spüren bereits heute die Macht der älteren Generation.
Zitat RP-Online (20.6.09)
In der Vergangenheit habe ich mich immer mal wieder gefragt, warum eigentlich derart unreflektiert und bar jeden Fachwissens mit schöner Regelmäßigkeit eine Treibjagd auf Computerspieler gemacht wird. Man hätte ja eigentlich erwarten können, dass gerade Online-Spiele mit so manchen Klischees vom kommunikativ vereinsamten Eigenbrötler eindrucksvoll widerlegen. An der aktuellen Politikergeneration scheint all dies jedoch spurlos vorbei gegangen sein, auch die Tatsache, dass der Markt mit Spielen wie Free Realms schon längst im absoluten Mainstream angekommen ist.
Bislang gab es für mich für das Politikerhandeln in Bezug auf Computerspiele vor allem zwei Erklärungen:
1.) Allgemeine Inkopmpetenz der vermeintlichen Volksvertreter.
2.) Computerspiele lassen sich wunderbar als Sündenbock instrumentalisieren.
Mittlerweile kommt bei mir die nickelige Frage auf, ob es nicht möglicherweise einen dritten Punkt gibt:
3.) Computerspiele stellen für die allermeiseten Senioren eine vollkommen fremde Welt dar. Natürlich kennt jeder Spieler irgendwelche Geschichten von „Seniorzockern“, aber das sind nunmal absolute Ausnahmen. So lässt sich mit dieser unbekannten Welt wunderbar Wahlkampf machen: Politiker produzieren irgendwelchen Aktionismus gegen vermeintliche Onlinesucht-Zombis, vor denen man sich als Senior dann ein bisschen wohlig gruseln, gleichzeitig aber in der Sicherheit wähnen kann, dass „die da Oben“ schon etwas gegen ein Problem tun werden, dass praktischerweise einen selber jedoch nicht tangiert.
Da braucht man dann sein Wissen auch nicht mit so unwichtigen Randdetails zu beschweren, dass es in der Fachwissenschaft durchaus umstritten ist, ob sich der Suchtbegriff sich überhaupt auf den Bereich von Computerspielen anwenden lässt, von irgendwelchen prozentualen Angaben will ich hier gar nicht anfangen. Achso, übrigens: Eine der „Problemlösungsstrategien“, die aus der Politiv vorgeschlagen wurden, wäre eine Art „Computerspielsuchtsteuer“. Der Griff in den Geldbeutel als Allerheilmittel? Na, das ist ja mal ganz was Neues.
