Wer kennt ihn nicht, den ultimativen Persilschein in der Welt der Onlinespiele. Er besteht nur aus zwei Buchstaben, die aber für ein veritables Totschlagargument stehen:
RL
„Tut mir leid, kann heut abend nicht kommen; RL“ „Mir ist im RL was dazwischengekommen.“ „RL geht natürlich vor.“ Und so weiter. RL bedeutet Real Live. Der Begriff hat etwas Seltsames. Er grenzt an digitale Selbstverstümmelung, denn aus irgendwelchen Gründen sind offenbar viele Leute, die in Onlinespielen agieren, der Meinung, das was sie täten sei nicht real. Warum das so ist und welche Folgen dies hat, darum soll es hier gehen.
Die Crux der Sozialisation
Meiner Meinung nach ist der Hauptgrund, warum Spieler von Onlinespielen selber verinnerlicht haben, dass das, was sie tun „irreal“ sei, die allgemeine gesellschaftliche Sozialisation. Computerspiele gelten gesellschaftlich als minderwertig. Ihnen werden alle mögliche Attribute angedichtet, so zum Beispiel, dass sie unsozial seien. Schon vor der ganzen unseligen Killerspiele-Diskussion war es um den Ruf von Computerspielen nicht besonders gut bestellt. Wenn ein gestandener Familienvater die kompletten Wochenenden im Hobbykeller unter seiner Modelleisenbahn verbringt, dann ist das ein gesellschaftlich akzeptiertes Hobby. Möglicherweise wird sich seine Ehefrau nicht mal beschweren, sondern ihm Schnittchen reichen und ein Bier bringen. Wenn derselbe Ehemann sich als Leiter einer erfolgreichen Raidgilde bei seinen Freunden outen würde, ist die Chance, dass er in Erklärungsnot käme, deutlich größer. Machen wir uns nicht vor, wahrscheinlich ist selbst seinen Opel Manta zu tunen ein angeseheneres Hobby, als Onlinespiele zu spielen. Das bleibt natürlich nicht folgenlos. Wir nehmen dementsprechend Bewertungen der Wichtigkeit unseres Hobbys vor. Und bei vielen ist halt das Ergebnis recht eindeutig: Sie verinnerlichen das schlechte Gewissen so stark, dass das Hobby als „irreal“ angesehen wird.
Die Folgen
„Sorry, RL geht vor“ ist zu der ultimativen Totschlagbegründung geworden. Wer kann und will da schon gegen argumentieren? Schließlich müsste man sich dann auf eine Diskussion einlassen, die man letzten Endes nur verlieren kann. Bei der allgemeinen gesellschaftlichen Atmosphäre, in der Computerspieler gerne mal irgendwo zwischen potentiellen Amokläufern oder Drogensüchtigen einsortiert werden, dürfte es nicht eben einfach sein, eine konstruktive Diskussion über Prioritäten in unseren Hobbys zu führen. Dabei ist auch dies einigermaßen skurril. Wenn jemand einem Freund absagen muss mit der Begründung, dass sich da die wöchentliche Skatrunde trifft, dürfe niemand auf die Idee kommen, diesen Termin grundsätzlich in Frage zu stellen. Ihr könnt euch ja mal den Spaß gönnen und in einem „Nicht-Geek“-Umfeld als Absagegrund „Tut mir leid, da hab ich Raidabend“ angeben. Ihr solltet aber ein nicht geringes Maß an Leidensfähigkeit mitbringen.
Dabei sollten wir es doch eigentlich alle besser wissen. Jeder von uns hat gesehen, wie in seinem Umfeld in Onlinespielen Freundschaften gewachsen sind, die deutlich über das gemeinsame Spielen eines Spiels hinaus gehen. Natürlich haben wir auch alle die Dramen gesehen, die entstehen können. Deshalb: Das hier ist das echte Leben. Echte Menschen interagieren mit echten Menschen. Dass sie dabei mitunter ein paar Tausend Kilometer trennen und sie via Technik miteinander verbunden sind, sorgt zwar für besondere Rahmenbedingungen, macht es aber nicht weniger real. Wir alle wissen, dass ein Telefongespräch eine andere Kommunikationssituation ist, als beispielsweise ein persönliches Treffen in einer Kneipe. Wir müssen kompensieren, dass wir dem Gegenüber nicht in die Augen blicken können, dass wir keine Rückschlüsse aus seiner Körpersprache oder Mimik ziehen können. Doch niemand von uns käme auf die Idee, ein Telefongespräch als irreal zu bezeichnen.
Ironischerweise sorgt gerade die Tatsache, dass die Zeit, die wir mit Onlinespielen verbringen, von vielen nicht als real angesehen wird, dafür, dass innerhalb dieses Kommunikations- und Interaktionsmediums erst ganz reale Probleme entstehen. Wenn es nicht real ist, dann muss ich ja auch nicht all die Regeln beachten, die man normalerweise in der Interaktion mit den Mitmenschen erwartet. Streit und Verletzungen in virtuellen Welten entstehen oft deshalb, weil irgendwer die fundamentalen Grundlagen von Höflichkeit, Respekt und sozialem Umgang miteinander mit einem Achelzucken beiseite wischt. Schließlich ist es ja „nur ein Spiel“. Da ist es dann auch OK, sich kommentarlos nicht an Absprachen und Termine zu halten, gewachsene Freundschaften und Loyalitäten mit einem Handstreich beiseite zu fegen oder andere Menschen aufs Übelste zu verletzen. Mitunter habe ich den Eindruck, dass ein nicht geringer Teil der Leute, die Onlinespiele spielen nicht wirklich verstanden hat, dass sie kein Singleplayerspiel spielen.
Ich denke ein Teil dieser Probleme könnte sich verringern, wenn mehr Leute verinnerlichen würden, dass die Zeit, die sie in Onlinespielen verbringen genauso real ist, wie die Zeit, die sie beim Kniffeln, im Taubenzüchterverein oder Kegelclub verbringen. Und das deshalb jeder Spieler denselben Respekt verdient hat, den auch all diejenigen verdient haben, mit denen man bei derartigen Gelegenheiten interagieren würde. Welcome to the real life.

/jubeln
Die Ideen zu diesem Blogeintrag schlepp ich schon seit einer gefühlten halben Ewigkeit mit mir rum. Es freut mich, dass nun, wo ich sie endlich mal zu virtuellem Papier gebracht habe, offenbar andere ähnlicher Meinung sind.
eine position die ich immer wieder in diskussionen vertreten habe. ich hab den seltsamen dualismus zwischen vr und rl nie wirklich verstanden. hat mich immer an den zwischen körper und geist erinnert. es gibt nur eine wirklichkeit!
/signed
Sehe ich absolut genau so. Toller Artikel und gleich getwittert
[...] durch den Artikel “This is the real life.” vom mmogblog, möchte ich auch ein paar Gedanken zu meiner Onlinespiel Haltung äussern: [...]
Schöner Artikel, nur: RL bedeutet für mich durchaus eine Abgrenzung zum virtuellen Dasein. Denn es ist ja ein anderes Leben, in das man da schlüpft (Besonders wenn es mit Rollenspiel angereichert wird.) Bei einer Skatrunde ist man noch ganz und gar die Person, die dort mit den Karten um sich wirft. Aber in MMOS bin ich jemand anderes, ich führe ein anderes, virtuelles Leben.
Auch in meiner Pen-and-Paper Runde habe ich ein RL und ein anderes Leben. Genauso in Single Player Spielen.
Trotzdem kann ich nur meine völlige Zustimmung äussern!
[...] This is the real life [...]
/signed
Wobei ich ohne schlechtes Gewissen andere Termine für einen Raid habe platzen lassen, eben weil ich den Spielern eher mein Wort gegeben habe, zu erscheinen.
[...] vs. Reality? April 7, 2009 — nomadenseele Nach dem Lesen von This is the real life und Raidgilde ist ein Hobby – wie ein Fussballverein habe ich mir überlegt, wie es bei mir [...]
Ich habe seit Jahren kein Computerspiel mehr angerührt, das über die Komplexität von Minesweeper hinaus geht, weshalb ich wohl als der Gamersprachen-Kenntnis gänzlich unverdächtig gelte. „RL“ sagt mir natürlich trotzdem was – und ich hab den Begriff stets als Synonym für „alles, was nicht zum Spielen gehört“ verstanden. Das ließe sich auch auf die genannten Beispiele für andere Hobbys übertragen.
Wie in der Wikipedia ganz richtig zu lesen ist, „hat der Begriff Hobby eine deutliche Nähe zum Begriff Spiel“ – mit entsprechenden Konsequenzen: Eine Freizeitbeschäftigung muss jederzeit unterbrochen werden können, denn auch einem Modelleisenbahner unterstellte man krankhafte Besessenheit, würde er lieber Schienen aneinanderreihen wollen als ein paar Stunden mit Familie und Freunden zu verbringen.
Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, wird hoffentlich klar, worauf ich hinaus will: Mir geht es nicht um die Abwertung des Hobbys „Computerspiel“, sondern um eine Aufwertung dessen, was unter Gamern „RL“ genannt wird.
„Sorry, RL geht vor“? Natürlich geht „RL“ vor; alles andere wär sehr, sehr traurig. Es gibt so viel wichtigeres als das Hobby und damit müssen die Mitspieler umgehen können – egal, ob sie nun mit Assen um sich werfen oder … äh, das machen, was man halt in MMOGs so zu machen pflegt. Was immer das auch sein mag.
Ich habe den Artikel jetzt erst gelesen. Der Grund ist natürlich das RL.
Interessanter Ansatz, in die Richtung hatte ich noch nie gedacht. Passt aber auch in die Richtung: „Wie kannst Du bei dem schönen Wetter drinnen sitzen. Da MUSS man doch einfach rausgehen.“
@Patrick
Natürlich geht RL vor, aber wenn ich einen Termin zum Hobby ausmache kann ich den nicht einfach kippen und an der Stelle passt der Eisenbahnvergleich net so gut. Eher ein Fußballvergleich, ich kann auch nich sagen jo ich komm sonntag zum Spiel und erschein dann nich weil ich irgendwas „RL mäßiges“ machen will. Dann stehen dort nämlich 10 bedröppelt dreinschauende Fußballkollegen die jetzt verliern weil sie einer weniger sind als die andern.